Sarah Deibele | Grafik

Texte

Rede von Prof. Dr. Dieter Rudolf Knoell zur Ausstellungseröffnung „Sarah Deibele“ in der Galerie Zaglmaier

„In fremden Dingen“ ist eine Radierung Sarah Deibeles aus dem Jahr 2014 betitelt. Dieser Titel ist exemplarisch. Im Eigenheim verbirgt sich das Fremde als das Unheimliche. In seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ schrieb Sigmund Freud: „Das Unheimliche ist … das ehemals Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe „un“ an diesem Worte ist aber die Marke der Verdrängung.“ (Freud, Das Unheimliche. Aufsätze zur Literatur, Hamburg-Wandsbek, 1963, S. 75) Das „Unheimliche sei jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht“. (Freud, a.a.O., S. 46) Und weiter: „Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von heimlich.“ (Freud, a.a.O., S. 53). „In der Siedlung“ ist eine Bleistiftzeichnung Deibeles aus dem Jahr 2011 betitelt. Die Behausung und das Vergehen der Zeit sind zentrale Themen dieser Künstlerin. In ihren eigenen Worten: „Es gibt drei Häute, in denen sich jeder einsam versteckt: die Haut, die Kleidung und das Haus. Das Gefangensein in der Zeit macht uns einsam. Unser Altern isoliert uns. Jederzeit ändert sich unser einziges, kostbares Leben und doch sind nur wir allein davon fundamental betroffen. Die Zeit lehrt uns das Gehäuse.“ (Deibele).


„In der Siedlung“ lauert bereits die neue „Heimat“, die einen ganz langsam und Stück für Stück häuten wird. In der „Stille“ ist immer auch schon „die Stunde da“, die einem schlägt, die einen erschlagen wird. Die Schwere dehnt die Zeit. Das gilt nicht nur in der physischen Welt, sondern auch in der psychischen. Auf Deibeles Bildern sieht man diese Schwere am Werk. Nachgezeichnet wird auch „Saturns Schatten“ (Solomon). Melencolia im Gehäus. Die eingetretene Stille ist die der gut möblierten Vorhölle in den fortschreitenden Katastrophen und nach den implodierten Utopien. Auf den Zeichnungen Sarah Deibeles sind Menschen in ihren Räumen und Zeiten eingeschlossen wie Insekten im Bernstein, – Präparate für die Ewigkeit. Auf der Suche nach den verlorenen Räumen der Kindheit entdeckt Deibele die Zeit, die nicht vergehen will. Die wiedergefundene Zeit steht für immer still. Aus ihr friert Vergangenheit ein und schließt Zukunft aus. Auch noch die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem wir schon vertrieben worden sind. „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her …“, heißt ein in Walter Benjamins „Geschichtsphilosophischen Thesen“. Und dieser legt uns die Trümmer der Vergangenheit zu Füßen.


Auf Sarah Deibeles Bildern sehen wir eine subtile Sammlung von Käfern, die sich in Menschen verwandelt haben. Die Verwandlung ist die „Strafe“, die Siedlung die „Strafkolonie“. Mit der Menschwerdung beginnt schon die Versteinerung. Man hat es mit lebenden Fossilien zu tun. „Die Antiquiertheit des Menschen“ (G. Anders) liegt als Schatten schon über seiner Geburt. Vom „Trauma der Geburt“ sprach der Freud-Schüler Otto Rank. Das innere Gehäuse erlaubt keinen Ausbruch. Es legt uns fest und hält uns fest. Freuds Strukturmodelle des Unbewussten, Vorbewussten und Bewussten bzw. des Es, Ich und Über-Ich werden in Deibeles Bildwelten gleichsam sichtbar gemacht. Und sie ist als beschreibende und erzählende Zeichnerin eine Familiensoziologin mit unbestechlichem Blick. Ihre „Familienaufstellungen“ sind nicht diejenigen einer Familientherapeutin. Vielmehr sind sie ausschließlich diagnostisch und sozusagen gnostisch, philosophisch den existenziellen Geheimnissen auf der Spur, - auf der Suche nach Erlösung durch Erkenntnis, auf die Gefahr hin, am Ende erkennen zu müssen, dass es keine Erlösung gibt – und vermutlich nicht einmal unbezweifelbare Erkenntnis. Unter Umständen sind ihre  „Familienaufstellungen“ auch prognostisch. Dann aber wäre zu sehen: Zu Optimismus besteht kein Anlass. Denn hinter den Vorwänden und unter den Gründen lauern die Abgründe.


In ihrer Diplomarbeit schrieb Sarah Deibele: „mir ist das System Familie oft ein Rätsel. Es wundert mich, dass sie sich schon so lange als kleinste Einheit der Gesellschaft hält. Meiner Meinung nach sind Familien Gruppen fremder Menschen, die, größtenteils ohne ein Wahl zu haben, mit einander auskommen müssen. Da kommen Charaktere zusammen, die sich ansonsten aus dem Weg gehen würden.“ (Deibele, Diplomarbeit „Das Verhängnis des Gestern“, Halle 2011/12, S. 11). Das Pathologische und Pathogene kleinbürgerlicher Normalität wird im Deibelschen Bildkosmos suggestiv zur Anschauung gebracht. Freud hat anhand des „Falles Schreber“ den Zusammenhang von kleinbürgerlicher Idylle und der Welt des Grauens, des Schreckens und des Wahns untersucht. Der Erfinder des Schrebergartens peinigte und deformierte seinen Sohn mit häuslichen Folterwerkzeugen, die z. B. einer guten Körperhaltung dienen sollten. Später schrieb dieser seine „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“. Auch Deibeles „Stadtpark“ aus dem Jahr 2015 zeigt etwas von dieser doppelbödigen und abgründigen Schrebergartenwelt. „Haus“ und „Hof“ schließlich, beide gleichfalls 2015 entstanden, führen uns hinein in eine soziale Welt, für die Freizeit weit entfernt scheint von Freiheit. Auch „das Überflüssige zuerst“ wird letzten Endes die Not nicht wenden. Lebensentwürfe scheitern, Wünsche bleiben unerfüllt, Hoffnungen stranden an den Klippen der harten Realität.


Angesichts dessen ist die Deibelsche Bildwelt bestimmt von einer Trauer um die noch Lebenden und zeigt uns Allegorien eines stillen und unabwendbaren Scheiterns. Doch die Melancholie des Scheiterns wird bei Betrachtung dieser subtilen Bilder nahezu aufgewogen vom Scheitern der Melancholie, weil das künstlerische Gelingen einen beglückt. Am Ende freilich holt die Deibelsche Grundkonstellation oder Grundkonstante den Betrachter ein, indem die Momente der gesteigerten Wahrnehmung und Bewusstheit sich als solche erweisen, die bereits, wenn auch gerade erst, vergangen sind. So bleibt einem nur, mit Dankbarkeit zurück zu blicken auf Augenblicke erhellender Erfahrung, welche die Künstlerin uns schenkte.

Rede von Prof. Dr. Dieter Rudolf Knoell zur Eröffnung am 16. Januar 2016

Künstler-Statement

Meine Grafiken sind Erzählungen. Das Papier wird zur Bühne. Materialbeschaffenheit, Raumsituation, Größenverhältnisse und Körperhaltung sind die Elemente, in denen sich die Geschichten erzählen. Meine Arbeiten entstehen allein aus der Beobachtung und Vorstellung heraus; ohne Fotovorlage, ohne Projektor.


In Werkblöcken beschäftige ich mich mit Themenschwerpunkten. Bisher näherte ich mich den Komplexen Vergänglichkeit, Heimat und Strafe. Es sind Themen, die permanent, aber in verschiedenen Nuancen, unseren Alltag prägen. Sie haben für uns eine immense Bedeutung, werden aber gerade deshalb oft gemieden.


Meine Arbeiten irritieren als surreale, erstarrt wirkende Arrangements. Man kann alles erkennen – und versteht doch irgendwie nichts. Das scheint der treffende Kommentar zum Stand der Dinge sein: Ein immer weiter anwachsendes Mehr an Wissen bringt uns der Natur und einander nicht näher. Ähnlich wie in der Kunst des Mittelalters entdeckt man eine Vielzahl symbolisch aufgeladener Gegenstände und Handlungen. Doch anders als in diesen sind sie nicht entschlüsselbar. Heute, in einer pluralistisch-säkularen Gesellschaft, gibt es keinen Code der Dinge mehr. Jedenfalls nicht so eindeutig, wie in der vom christlichen Denken durchdrungenen Epoche. Heute hat jeder seine eigenen kleinen Heiligen – mit ganz eigenen Leidensgeschichten, eigenen Wundern, eigenen Ritualen.

Text von Sarah Deibele